ARTGERECHTE PFERDEHALTUNG – NUR EIN SCHLAGWORT?
Jeder, der mit Pferden zu tun hat, stolpert irgendwann über den Begriff der „artgerechten Haltung“. Was ist darunter zu verstehen? Welche Bedürfnisse hat das Pferd, und welche der Reiter? Wie können wir unserem Freizeitpartner Pferd das Leben gestalten ohne dabei unsere eigenen Wünsche in den Hintergrund zu stellen?
Tierschutz = Schutz des Lebens und des Wohlergehens von Tieren.
Wohlergehen kommt in der Befriedigung der Bedürfnisse und der Abwesenheit von Schmerzen, Leiden, Schäden oder schwerer Angst zum Ausdruck. Zur Verantwortung des Menschen gegenüber dem Mitgeschöpf Tier gehört die artgemäße und verhaltensgerechte Gestaltung seines Umfeldes.
Die Optimierung des gesamte Haltungs- und Nutzungssystems unter Berücksichtigung dieser tierschutzrechtlich vorgeschriebenen Aspekte kann die Häufigkeit von Erkrankungen und Dauerschäden beim Pferd erheblich minimieren. Nur artgerecht gehaltene Pferde sind in der Lage über lange Zeit optimale Leistungen zu erbringen.
Voraussetzung dafür ist, dass das Pferd nicht "vermenschlicht" , sondern seiner Art gemäß behandelt wird.
Was braucht das Pferd nun zu seinem Wohlbefinden?
1. Gesundes Stallklima
Pferde sind Frischluft-Junkies. Ihr Atmungsapparat ist empfindlich auf Staub und Schadgase. In geschlossenen Stallhaltungen muss auf eine angemessene Frischluftzirkulation geachtet werden, die Stalltemperatur soll den Außentemperaturen gemäßigt folgen. Zu trockene Stallluft reizt die Atemwege, zu feuchte fördert die Vermehrung von Krankheitserregern und Schimmel. Auch muss genügend Licht vorhanden sein.
Bei Pferden mit chronischen Atemproblemen führt die Umstellung in einen Offenstall und die Fütterung angefeuchteten Heus oft zu deutlicher Besserung.
2. Soziale Kontakte
Pferde sind Herdentiere. Der geforderte Sicht-, Geruch- und Hörkontakt deckt nur einen Bruchteil dessen was ein Pferd wirklich an Sozialkontakten braucht. Verhaltensauffälligkeiten äußern sich in schlimmen Fällen als Koppen, Weben, Zungenspielen. Auch vermehrte Schreckhaftigkeit und Widersetzlichkeit kann darauf zurückzuführen sein, dass dem Sicht-, Flucht- und Erkundungsverhalten des Pferdes nicht Rechnung getragen wird.
3. Futter- und Wasseraufnahme
Wildlebende Pferde verbringen bis zu 60% des Tages damit durch die Gegend zu wandern und dabei zu grasen. Dementsprechend ist auch ihr Verdauungstrakt auf kontinuierliche Ernährung angelegt. Der Magen eines Großpferdes fasst nur 15 – 20l, diesem angeschlossen ist ein mächtiger Darmtrakt. Bei der Fütterung von Leistungspferden wird zugunsten der Kraftfutterration oft der Heuanteil vernachlässigt, was zu verdauungsphysiologischen Problemen führt. Prinzipiell gilt. So oft wie möglich füttern. Raufutter vor dem Kraftfutter verabreichen. Große Kraftfuttermengen und abrupte Futterumstellungen vermeiden. Wasser sollte immer zur Verfügung stehen.
4. Bewegung
Wie schon oben erwähnt bewegen sich Pferde im Herdenverband während der Futteraufnahme bis zu 16 Stunden am Tag.
Boxenhaltung ist besonders für die Beine Gift. Bei vielen Pferden sackt der Kreislauf im Stehen leicht ab. Gewebsflüssigkeit sammelt sich im Unterhautgewebe an. Werden sie bewegt kommt die Durchblutung wieder in Gang und die Flüssigkeit wird abgebaut. Kontinuierliche Durchblutung ist notwendig für den Zellstoffwechsel der Gelenke um Knorpelschäden zu vermeiden.
Boxenpferde mit aufgestautem Bewegungsdrang neigen außerdem dazu sich zu vertreten, auszurutschen etc.. Verletzungen und langwierige Muskelzerrungen sind die Folge.
Im Grunde genommen hat man als verantwortungsbewusster Pferdebesitzer also keine Wahl. Entweder man hält sein Pferd mit all den aufgezählten Nachteilen in Boxenhaltung, oder man stellt es einen Offenstall und gönnt ihm einen Teil der Freizeitgestaltung in Eigenregie.
Die einfachste Form der Offenstallhaltung ist eine Box mit angeschlossenem Paddock. Hier kann das Pferd zumindest zwischen drinnen und draußen wählen. Vertragen sich die benachbarten Pferde untereinander kann man die Zwischenbalken der benachbarten Paddocks entfernen. Zur Fütterungszeit muss allerdings aufgepasst werden ob es im doch relativ engen Boxenbereich nicht zu Rangeleien kommt. Auch bei dieser Form ist es schon ratsam die Hintereisen zu entfernen um Verletzungen zu vermeiden.
Nachteil für den Reiter: Da sich Pferde im Gegensatz zum Menschen auch bei schlechtem Wetter draußen aufhalten muss mitunter länger geputzt werden bis das Tier wieder „reittauglich“ ist. Für die Lunge des Pferdes ist diese Haltungsform jedoch schon ein immenser Fortschritt.
Darüber hinaus gibt es zahlreiche Variationen der Offenstallhaltung, auch unter Laufstall oder Bewegungsstall bekannt.
Prinzip ist, Futter-, Liegeplätze und Wasserstellen voneinander zu trennen und die Pferde so anzuhalten die einzelnen Funktionsbereiche aufzusuchen. Wann immer mehre Pferde aufeinandertreffen muss darauf geachtet werden dass genügend Platz und Fluchtmöglichkeiten vorhanden sind. Vor allem Sackgassen und tote Winkel müssen vermieden werden. Es soll immer zumindest eine Box vorhanden sein um als Krankenbox dienen zu können.
Wichtig bei Gruppenhaltung ist Neuzugänge sukzessive an die Herde heranzuführen. Der erste Schnupperkontakt sollte über eine Trennwand oder Boxenfenster erfolgen (man kann den Neuankömmling vorerst in die Krankenbox stellen). Hat sich die erste Aufregung gelegt ist es besser, (wenn möglich) den Neuen vorerst mit den rangniederen Herdenmitgliedern zusammenzulassen da hier bei der Integration weniger Schwierigkeiten zu erwarten sind. Diese schrittweise Eingewöhnung erspart Pferden und Besitzern Stress.
Jeder Neuzugang verursacht einen neuen Rangordnungskampf in der gesamten Herde, mitunter kann es dauern bis die Machtverhältnisse wieder klargestellt sind. Hier gilt dann für alle Besitzer: Geduld und nicht die Nerven schmeißen. Besser warten wie sich die Sache entwickelt und ein paar Verletzungen hinnehmen als jede Woche einen „Neuen Neuen“ auszuprobieren. Das bringt noch mehr Unruhe in die Herde.
Wenn sich jemand mit Offenstallhaltung und Planung beschäftigen will kann ich folgendes Buch empfehlen: Ingolf Bender; Praxishandbuch Pferdehaltung; Kosmos Verlag
Hier findet man von den Grundlagen, über Gesundheitsvorsorge und Haltungshygiene bis zum Stallplan alles Wesentliche.
Quelle: Dipl.Tierärztin Andrea Margulies